Safety Comes First
Der
folgende Artikel ist eine Veröffentlichung des Aerokuriers vom Februar 1993.
Eine Kopie davon wird in unserem Verein jedes Jahr in Südfrankreich zur Eröffnung
der Flugsaison an alle Mitglieder verteilt. Vielleicht drucken Sie ihn sich auch
mal aus zur weiteren Verteilung! Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher
Genehmigung des Autors.
Gerhard
Marzinzik vom Aerokurier schrieb als Einleitung: So gar nicht ins Bild vom schönen
and beschönigenden Festvortrag passte Bruno Gantenbrinks Beitrag während des
Festaktes zum 51. Deutschen Segelfliegertag in Gersfeld. Sein Thema
„Sicherheit im Segelflug" hatte er nicht von der beschwichtigenden,
statistischen Seite angepackt. Der Segelflugweltmeister von 1989 and mehrfache
Deutsche Meister hat das Publikum vielmehr mit einer „Schocktherapie" zum
Nachdenken gezwungen. Und der Vortrag hat gewirkt. Viele Segelflieger and
insbesondere hartgesottene Wettbewerbspiloten stellten erschrocken fest, wie
gering das Sicherheitsbewusstsein im Segelflug tatsachlich ausgebildet ist, wie
oberflächlich manches gehandhabt wird. Dabei steht and fällt die Sicherheit
mit dem wachen Bewusstsein über die möglichen Risiken and Gefahren. Der Kreis
des Segelfliegertages war jedenfalls zu klein für dieses Referat. Es wird
deshalb hier wiedergegeben.
Bruno
Gantenbrink:
Mein
Vortrag ist als Festvortrag angekündigt. Was erwartet man von einem
Festvortrag? Etwas Erfreuliches, Erbauliches, jedenfalls etwas Positives.
Zumindest nichts, was das Bild stört. Nun, in diesem Sinne ist mein Vortrag
kein Festvortrag. Was kann man schon Erfreuliches oder Festliches zum Thema
Sicherheit sagen? Bei meinem Vortrag nehme ich bewusst in Kauf, dass ich Euch
erschrecke, provoziere, mindestens nachdenklich mache. Jede dieser Reaktionen
ist beabsichtigt. Ich werde auch keine Rücksicht darauf nehmen, ob das, was ich
sage, eine positive oder negative Schlagzeile in der Presse macht. Und wenn im
nachhinein jemand zu mir kommt and sagt: „Musstest Du unbedingt unser Nest
beschmutzen, wo Presse im Saal war, wo fremde Leute zuhörten“, so wird mich
dieser Vorwurf nicht treffen.
Wenn
man alles das, was im Segelflug wichtig and wissenswert ist, in einem grossen
Werk zusammenfassen wollte, so müsste das meiner Ansicht nach in vier grosse
Kapitel gegliedert sein.
Ein
erstes Kapitel könnte von der Freiheit des Segelfluges handeln. Hier würden
wir natürlich die Schönheit and Maiestätik des Segelfliegens beschreiben. Wir
würden aber auch die Probleme und Faktoren behandeln müssen, die unsere
Freiheit gefährden ‑ denn der Luftraum and die Probleme, die wir damit
haben sowie die steigende Zahl sinnloser Vorschriften, die uns die Zulassung von
Geräten und Piloten und Fluggeländen immer schwieriger machen, gibt genügend
Anlass zum Nachdenken. Auch unseren Umgang mit unserer Umwelt müssten wir in
diesem Kapitel definieren.
Für
ein weiteres Kapital könnte die Überschrift lauten: Die Möglichkeit zum
Segelfliegen. Wir hätten darin all die Organisationsfragen zu Iösen, die uns
in letzter Zeit wirklich bewegten. Neben Strukturfragen: Wie organisieren wir
uns im grossen und kleinen; wie wird die Ausbildung organisiert; wie sehen
unsere Prüf‑ and Zulassungsvorschriften aus? In diesem Kapitel müsste
man natürlich auch über die Kosten and deren Finanzierung sprechen, denn zum
guten Schluss müssen wir uns unseren Sport auch leisten können.
Ein
drittes Kapitel würde von den notwendigen Fähigkeiten, Segelzufliegen,
handeln. Man würde dann all die Kenntnisse vermitteln, die wir brauchen, um
unseren Sport auszuüben. Die Theorie, die Aerodynamik, die Meteorologie,
Segelflugtheorie, Flugtechnik und vieles andere mehr.
Diese
ersten drei Kapitel nehmen allein schon einen Zeitanteil von mehr als 95 Prozent
unserer Aufmerksamkeit, erst recht unserer Aktivitäten in Anspruch. Mindestens
ist es das, was ich aus meiner Erfahrung kenne, auch wenn ich einmal an die
Vortragsprogramme von Segelfliegertagen in den letzten Jahren zurückdenke.
Für
das vierte Kapitel bleibt wenig Zeit and Aufmerksamkeit übrig. Und dieses
Kapitel müsste davon handeln, wie man unseren Sport überlebt. Es müsste mit
Flugsicherheit überschrieben sein. Nach meinem Gefühl und meinem Verständnis
müssten diese vier Kapitel ungefähr gleichgewichtig sein. Die Gleichgewichtung
ist aber nicht gegeben. Allein die Nachlässigkeit also, mit der wir das Kapitel
Flugsicherheit in unserem Alltag behandeln, führt mich zu der Hypothese, dass
wir mit der Flugsicherheit ein Problem haben.
Der
eine oder andere mag jetzt denken: „Er übertreibt. Er übt sich in
Schwarzmalerei. Und das ist ja auch verständlich, denn er mochte aus seinem
Thema etwas machen. Also bläst er es auf, um es wichtig zu machen. Wir wissen
doch alle, es gibt nichts auf der Welt, was völlig ungefährlich ist. Auch
Segelfliegen ist nicht völlig ungefährlich. Aber eins wissen wir doch auch:
Das Gefährlichste am Segelfliegen ist bekanntermassen die Fahrt zum
Flugplatz.“
Jeder
hat diesen Satz schon benutzt, oder man hat ihn zumindest schon gehört. Ich
weiss noch genau, wie ich ihn zum ersten Mal gehört habe, als ich als 14-jähriger
Junge von meinem Vater auf dem Flugplatz abgeliefert wurde. Und er erkundigte
sich natürlich besorgt nach möglichen Gefahren für seinen Filius and bekam
diesen Satz in meinem Beisein vom Fluglehrer zu hören. Wenn die Aussage stimmt,
und sei es auch nur ungefähr, dann hätten wir mit Flugsicherheit überhaupt
kein Problem, dann wäre das Thema eine „Quantité négligeable". Ich könnte
den Vortrag hier abbrechen, and wir könnten uns anderen Dingen widmen. Es lohnt
sich also, einmal genauer hinzusehen ob dieser Satz wirklich so stimmt. Der
Satz, das Gefährlichste am Segelfliegen sei die Fahrt zum Flugplatz, ist das Dümmste
and Ignoranteste, was mir in unserem Sport untergekommen ist.
Ich
möchte dies ‑ die Untersuchung der Wahrhaftigkeit dieses Satzes
‑auf eine subtile, man mag sogar denken makabre Weise vornehmen. Aber der
Zweck heiligt in diesem Moment die Mittel. Ich verzichte darauf, eine dieser
relativierenden Statistiken zu benutzen, die das Luftfahrtbundesamt herausgibt.
In denen von Unfällen pro 1000 Starts oder Toten pro 1000 Flugstunden die Rede
ist. Solche Statistiken sagen nicht viel. Sie drücken nicht aus, was viel and
was wenig ist. Wie viele Tote pro 100 000 Starts sind zu viel and wie viele sind
wenig? Wie viele sind akzeptabel? Solche relativierenden Zahlen fahren nicht
unter die Haut. Man kann damit niemanden erreichen. Ich mochte diesen Satz, das
Gefährlichste am Segelfliegen sei die Fahrt zum Flugplatz, an meiner ganz persönlichen
Statistik messen. Dazu habe ich drei Listen geführt. Ich habe in die Liste 1
die Namen der Kameraden geschrieben, die ich im Luftsport verloren habe. In
einer zweiten Liste habe ich die Namen derjenigen Kameraden vermerkt, die ich
auf dem Weg zum Flugplatz ‑unterwegs mit dem Auto oder dem Fahrrad ‑
verloren habe. Und um den Überblick komplett zu machen, habe ich eine Liste
drei geführt, in die ich die Namen von Segelfliegern aufgenommen habe, die ich
überhaupt im Strassenverkehr verloren habe. Nun, um es kurz zu machen: Liste
eins enthält ungefähr 30 Namen. Ich will nur einige der prominentesten hier
anführen, weil ich glaube, dass sie allgemein bekannt sind. Viele Namen, von
denen ich glaube, dass sie die meisten nicht kennen, will ich für mich
behalten. Aus Deutschland waren das in den letzten Jahren: Helmut Reichmann, Ernst Gernot Peter, Hans Glockl, Georg Eckle, Horst
and dann auch noch tragischerweise einige Jahre später seine Frau Marlis Kali. Aus
Österreich: Rudi Gobel, Alf Schubert. Aus
Belgien: Professor Sander. Aus Frankreich: Sidot
und Daniel Quemere,
Cheffluglehrer von St. Auban. Aus den Niederlanden: Kees Musters. Aus Südafrika:
Heini Heiriss.
Wie
gesagt, das sind nur einige der prominenteren Namen. Nun zur Liste zwei. Für
diese Liste gibt es absolut keine Meldungen. Auf dem Weg zum Flugplatz habe ich
überhaupt keinen Freund verloren. Und ich war auch einigermassen überrascht,
dass die Liste drei mit Segelfliegern, die ich im Strassenverkehr verloren habe,
für mich jedenfalls keine Einträge hatte. Wenn man sich darüber hinaus vor
Augen führt, dass wir in den letzten 20 Jahren mit Harro Wodl, den ich noch
dazu nehme, auch wenn ich ihn nicht persönlich kennengelernt habe, drei
Weltmeister verloren haben ‑wir hatten aber nur ungefähr 30 ‑ and
in den letzten zehn Jahren drei ehemalige Deutsche Meister ‑ wir hatten
weniger als 30 ‑, so kann es einem schon einen Schauer über den Rücken
jagen. Mit zirka 10 Prozent Chance ist man selber dabei.
Meine
persönliche Statistik führt mich zu der Erkenntnis, dass Segelfliegen
mindestens um den Faktor 30 gefährlicher ist als Auto fahren. Denn jeder
Segelflieger hat ja auch einen Führerschein. Und es ist wahrscheinlich um den
Faktor 1000 gefährlicher als die Fahrt zum Flugplatz. Dabei sollte ich zugeben,
dass es Unterschiede geben mag and sogar gibt. Dass der Segelflug im Bereich
Ausbildung relativ ungefährlicher ist. In der Ausbildung passiert meiner
Kenntnis nach am wenigsten. Und dass Überlandfliegen wahrscheinlich gefährlicher
ist als die Ausbildung. Und dass Wettbewerbsfliegen dann vielleicht noch gefährlicher
ist als das Überlandfliegen. Aber selbst wenn ich das einräume, so relativiert
das bestenfalls den Sachverhalt, insbesondere da die Ausbildung für alle nur
eine Durchgangsstation ist and danach immer mehr Segelflieger zum
Oberlandfliegen and Wettbewerbsfliegen drangen.
Nach
allem was ich vom Segelfliegen kenne, was ich davon verstehe, glaube ich, dass,
der Satz, das Gefährlichste am Segelfliegen sei die Fahrt zum Flugplatz, das Dümmste
and Ignoranteste ist, was mir in unserem Sport untergekommen ist.
In
der drastischen Diktion meiner Kinder wurde ich sagen: "Segelfliegen ist saugefährlich!"
Man
könnte sagen, dass diejenigen, die den Satz kritiklos glauben and benutzen,
vielleicht nur dumm sind. Diejenigen aber; die es besser wissen and die ihn nur
deshalb benutzen, weil sie die Öffentlichkeit beschwichtigen wollen oder weil
ihnen der Gebrauch dieses Satzes eine positive Meldung in der Presse verschafft,
die handeln unverantwortlich. Das Gegenteil ist nämlich richtig.
"Segelfliegen
ist saugefährlich"I
Es
ist gefährlicher als alles andere, was ich sonst in meinem Leben tue oder
kenne. Warum ich nicht aufhöre? Eine gute Frage. Ich höre nicht auf, well es
mir mehr Spass macht and mehr Freude bereitet als alles andere, was ich mir als
Alternative dazu vorstellen könnte. .
Ausschlaggebend
ist aber ein zweiter Grund, and der ist der entscheidendere, and deshalb halte
ich auch diesen Vortrag: Ich glaube, dass Segelfliegen nicht naturgesetzlich so
gefährlich ist, wie es ist. Es könnte wesentlich ungefährlicher sein, wenn
wir uns der Gefahren stärker bewusst wären, und wenn wir uns dann auch
entsprechend verhalten würden. Was wir leider nicht tun.
Ich
für meinen Teil bin mir sehr bewusst, wie gefährlich Segelfliegen ist, and ich
bemühe mich, mich entsprechend zu verhalten. Ich habe deswegen die Hoffnung,
dass ich als Individuum die Statistik schlagen kann. Wenn ich diese Hoffnung
nicht hätte, wenn für mich Segelfliegen so gefährlich wäre, wie es dem
statistischen Durchschnitt nach tatsächlich ist, wurde ich sofort aufhören.
Fast
alle Freunde, die ich beim Segelfliegen verloren habe, sind wegen "human
Errors", wegen Pilotenfehler umgekomrnen. Es waren teilweise Iächerliche
Kleinigkeiten, Nachlässigkeiten simpelster Art mit fatalen Folgen. Sie sind
deswegen tot, weil für sie im entscheidenden Moment andere Dinge wichtiger
waren als Flugsicherheit. Wenn Segelfliegen weniger gefährlich werden soll, als
es tatsächlich ist, dann reicht nicht die eine oder andere Massnahme. Es muss
sich die grundsätzliche Einstellung ändern. Und die grundsätzliche
Einstellung kann sich überhaupt nur ändern, wenn wir die Gefahr, in die wir
uns fast täglich begeben, realistisch einschätzen. Und deshalb habe ich mich
soeben in so drastischer Weise gegen den gedankenlosen Gebrauch and die
Weiterverbreitung des Satzes gewandt, das Gefährlichste am Segelfliegen sei die
Fahrt zum Flugplatz.
Jemand
der mit diesem Satz das Segelfliegen beginnt, von dem kann man wahrscheinlich
nie im Leben erwarten, dass er die Gefahr begreift, in die er sich begibt. Denn
wenn er an diesen Satz glaubt, braucht er sich keine Gedanken zu machen.
Und
Sorglosigkeit ist der Tod jedes Sicherheitsbewusstseins. Die allgemeine Haltung,
die vielmehr häufig anzutreffen ist, ist die Beschwichtigungs‑, die Verdrängungshaltung.
Im Unterbewusstsein spürt man zwar, dass da was vorhanden ist, aber man möchte
nicht darüber reden, dass es gefährlich ist.
Warum
ist die realistische Einschätzung des Risikos so wichtig? Weil davon unsere
Strategie abhängt, wie wir mit der Gefahr umgehen.
Es
gibt nichts ohne Risiko, das wissen wir. Selbst wenn wir am Morgen nicht
aufstehen, sondern im Bett liegen bleiben, könnten wir uns ein Szenario
ausdenken, bei dem uns etwas Schlimmes widerfährt. Aber wir würden uns
deswegen wohl keine Sorgen machen. Es gibt zwei ganz unterschiedliche Arten von
Gefahren. Das eine sind die typischen Alltagsgefahren und als Zweites die
wirklich gefährlichen Dinge. Mit diesen beiden Gruppen von Gefahren gehen die
Menschen ganz unterschiedlich um.
Da
ist die Gruppe der Alltagsgefahren, im Haushalt, bei Sport und Spiel. Zum
Beispiel: Jeder von uns weiss, dass in der Bundesrepublik eine bestimmte Anzahl
von Menschen von umstürzenden Bäumen erschlagen wird. Und trotzdem spaziert
man durch den Wald ohne Angst, von einem Baum erschlagen zu werden.
Bei Alltagsgefahren sind keine besonderen Vorkehrungen notwendig. Man
kann hier auf das Glück vertrauen, dass nichts passieren wird, denn diese
Gefahren sind ja ganz extrem selten. Es ist unglaublich extrem selten, dass
jemand von einem umstürzenden Baum erschlagen wird.
Auf der anderen Seite gibt es die wirklich gefährlichen Dinge. Bei den
wirklich gefährlichen Dingen sind besondere Vorkehrungen erforderlich. Die
Strategie kann nicht darin bestehen, dass man einfach darauf vertraut, dass es
nicht einen selbst, sondern jemand anderen trifft. Die Strategie muss darin
bestehen, die Gefahren von vornherein zu vermeiden, oder weil das zu 100 Prozent
gar nicht geht, sie möglichst klein and damit vertretbar zu halten.
Notwendig
ist das, weil diese Gefahren eben nicht unwahrscheinlich selten sind, sondern
relativ wahrscheinlich. Und die Gefahr, beim Segelfliegen zu verunglücken
‑ deshalb habe ich die makabre Statistik eben bewusst angeführt ‑
ist unakzeptabel hoch. Segelfliegen ist eben keine dieser vernachlässigbaren
typischen Alltagsgefahren. Besondere Massnahmen, unseren Sport zu überleben, wären
erforderlich.
Oft
habe ich den Eindruck, dass das Segelfliegen zu den unvermeidbaren
Alltagsgefahren gezählt wird. Und der idiotische Satz, dass Segelfliegen nicht
so gefährlich wäre wie die Fahrt zum Flugplatz, macht das deutlich. Unser
Gefahrenbewusstsein ist unterentwickelt. Wir sind nicht besorgt, dass
ausgerechnet uns etwas passieren konnte, anderen vielleicht, aber nicht
ausgerechnet uns. Für die Sicherheit, da haben wir unsere Experten, unsere
Flugsicherheitsinspektoren. Die machen das schon. Bei denen ist das Thema gut
aufgehoben. Wir selbst können uns statt dessen den anderen Aspekten des
Segelfliegens widmen.
Das,
was uns die Sicherheitsinspektoren vermitteln, können bestenfalls zusätzliche
Erkenntnisse, Ratschläge sein. Umsetzen müssen wir das selber. Wir müssen uns
vielmehr selbst aktiv um das Thema kümmern.
Dass
dies hier kein Gerede ist, dass unser Sicherheitsbewusstsein tatsächlich
unterentwickelt ist, das will ich an nur zwei Beispielen illustrieren. Beispiel
eins: Ich erinnere an die Deutschen Segelflugmeisterschaften 1990 in Böckeburg.
Wir hatten unterschiedliche Startverfahren. Die Offene Klasse flog mit Fototime
and unbegrenzter Höhenfreigabe ab, die anderen hatten eine Startlinie, die in
der Regel bei 1000 m in der Höhe begrenzt war. An einem heissen Tag ging es am
nahen Wiesengebirge deutlich über die Inversion hinauf, bis auf über 2000 m.
Da lag auch der Abflugpunkt der Offenen Klasse, die verständlicherweise so hoch
wie möglich abfliegen wollte. Das war schon gefährlich genug. Denn da kreisten
35 Offene‑Klasse‑Flugzeuge in einem Bart, der so richtig in die
Inversion pfefferte, deutlich höher als alle anderen. Und wer weiss, was im
letzten, oberen Teil der Blauthermik passiert, wenn die Thermik an den Deckel
stosst, der wird mich verstehen.
Denn
da kann es passieren, dass man dort, wo man gerade noch Steigen hatte, schon im
nächsten Kreis Sinken hat. Die Luft ist dort extrem verwirbelt. Der letzte Teil
ist also besonders ungemütlich, well sich dort die Flugzeuge höhenmässig
heftig gegeneinander verschieben. Dass sich nun 35
Offene‑Klasse‑Flugzeuge in diesem letzten Teil aufhielten, war vom
Abflugverfahren her verständlich. Sie hatten einen Nutzen davon. Doch was die
80 Standard‑ und Rennklasseflugzeuge freiwillig da oben taten, das wird
mir ewig unbegreiflich bleiben. Denn das einzige, was die da oben taten, war zu
warten, dass 1000 m tiefer ihre Abfluglinie geöffnet wurde. Und als die offen
war, zogen sie ihre Bremsklappen and stürzten sich mit 200 km/h 1000 m tiefer
runter.
Die
Tatsache, dass die Piloten zuvor dort oben mit letztem Einsatz die letzten 50 m
erkurbeln wollten, kann nur bedeuten, dass etwas mit ihrer Einstellung nicht
stimmte. Und es waren fast alle dabei. Es konnte schon deshalb etwas mit ihnen
nicht stimmen, weil sie überhaupt keine Vorteile davon hatten and sich völlig
unnütz in eine Gefahr begaben. Denn das Kreisen in solch grossen Pulks, das
sollte man doch soweit möglich vermeiden. Vor dem Beginn des Wettbewerbsfluges
ist das in aller Regel ohne Inkaufnahme von Nachteilen möglich. Da sollte man
sein Pulver doch trocken halten für die Zeit, in der es wirklich um etwas geht.
Die Standard‑ and Rennklasseflieger, die da so verbissen um die letzten
Meter kurbelten, hatten dadurch nicht nur keinen Nutzen, sie handelten sich
sogar dicke Nachteile ein. Sie brauchten später einen relativ langen
Sturzgleitflug, um zur Abfluglinie herunterzukommen. Klüger wäre es doch
gewesen, sich dicht neben die Startlinie zu setzen, damit man jederzeit
abfliegen kann and seine Konkurrenten im Blick hat. Das war doch aus der
Position in 2300 m gar nicht gegeben. Die Piloten der 15‑m‑Klassen
haben mithin nicht nur etwas getan, was der Sicherheit abträglich war, sie
haben auch noch Nachteile für sich in Kauf genommen.
Das
nenne ich mangelndes Sicherheitsbewusstsein; sie hatten überhaupt nicht
nachgedacht. Man kann natürlich sagen, beim Pulkfliegen passiert nicht viel.
Das wundert mich eigentlich auch immer wieder, dass da nichts oder so wenig
passiert
Das
ist ganz erstaunlich. Je grösser die Pulks, desto weniger passiert. Vielleicht
ist dies auch so, weil alle soviel Angst haben and gut aufpassen. Aber eins kann
man auch sagen, förderlich für die Sicherheit ist es bestimmt auch nicht.
Also, sinnvoller wäre es gewesen, wenn sie in 1400 bis 1500 m im Aufwind
gekreist hätten, sich ein bisschen verteilt hätten, jedenfalls nicht bis ganz
nach oben gegangen wären. Ein zweites Beispiel: Es kommt immer wieder vor, and
es ist offensichtlich nicht auszurotten, dass bei Meisterschaften die Steckenführungen
so gewählt werden, dass es zu Gegenkursen kommt oder dass Klassen auf praktisch
gleiche Aufgaben geschickt werden. An den ersten zwei, drei Tagen wird dies noch
relativ gut beachtet, doch dann lässt dies zunehmend nach. Auch da kann etwas
nicht stimmen. Unternehmen kann man sehr leicht etwas dagegen: Da die
Bedingungen für alle einer Klasse gleich sind, spricht doch überhaupt nichts
dagegen, selbst unter Inkaufnahme von Wetternachteilen, die Klassen so zu
separieren, dass sie sich möglichst während des ganzen Tages nicht sehen. Dass
es hier immer wieder zu Massierungen kommt, ist völlig unverständlich and
zeugt von einem mangelnden Bewusstsein der Gefahr, die damit verbunden ist.
Drittes
Beispiel, and das soll auch ein positives Beispiel sein: Als ich im letzten
Sommer bei den US Nationals in der Rennklasse mit geflogen bin, da gab es dort
etwas, was mich tief beeindruckt hat. Jeden Morgen zu Beginn des Briefings gab
es dort einen „Safetytalk". Am Tag vorher wurde jemand ausgewählt and
dazu bestimmt, am nächsten Morgen zehn Minuten etwas zum Thema Sicherheit zu
sagen. Manchmal waren es Allgemeinplätze, nicht jeder ist ein geborener Redner.
Aber es sind ja alles gestandene Leute, die da fliegen. Übrigens Leute, die
herumgekommen sind, and da hatte schon fast jeder etwas Bemerkenswertes
beizutragen. Meistens aber war ich sehr beeindruckt von den wirklich guten
Gedanken, die vorgetragen wurden. Und die Zuhörer hörten auch aufmerksam zu.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass die schon mit ihrer Flugvorbereitung beschäftigt
waren. Die waren ernsthaft an dem Thema Sicherheit interessiert.
Warum
passiert so etwas bei uns nicht? .
Bei
uns werden, wenn wir Deutsche Meisterschaften fliegen, während des Briefings
Punkte der Ausschreibung oder Fragen jener besprochen, die zu faul waren, die
Ausschreibung zu lesen. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals in
dieser Weise zum Thema Sicherheit Gedanken gemacht hätten.
Ich
bin bestimmt kein Sicherheitspapst. Ich habe das Thema Sicherheit auch nicht
erfunden. Ich weiss ausserdem, wo ich selbst die grössten Defizite habe, aber
ich weiss auch, wovon ich rede. Ich habe, das sind inzwischen gut zwanzig Jahre
her, nur knapp and mit viel Glück überlebt. Bei dem Unfall, den ich gebaut
habe, sind normalerweise 80 Prozent der Leute tot. Und von den übrigen 20
Prozent ist noch über die Hälfte so schwer verletzt, dass sie ihres Lebens nie
mehr froh werden.
Soviel
Glück hat man nur mal im Leben. Und seitdem versuche ich, aufzupassen. Und ich
glaube, dass ich deutlich besser bin als der Durchschnitt, bestimmt nicht
perfekt, aber deutlich besser. Denn wenn ich das nicht glauben wurde, dann müsste
ich eigentlich sofort aufhören aus Verantwortung meiner Familie gegenüber,
meinem Unternehmen and mir selbst gegenüber.
Konkurrenten
von mir wissen, dass ich bestimmte Dinge einfach nicht tue. Ich erinnere mich an
eine Situation bei der Weltmeisterschaft 1985 in Italien, wo ich zusammen mit
Klaus Holighaus in Problemen war. Klaus Holighaus ‑ er war ein wenig höher
als ich ‑ flog in leichtem Regen durch einen Pass mit böigem Wind von
einer Seite. Das heisst, wir wussten gar nicht richtig, wo der Wind herkam
‑ wir konnten auch in ein Lee tauchen. Unsere Höhe über Grund war höchstens
60 bis 70 m, and wir hatten noch 1 bis 2 km zum Pass zu fliegen. Und obwohl der
Durchflug möglich schien ‑ Klaus Holighaus war schon praktisch durch
‑ drehte ich ab, zurück ins schlechte Wetter. Ich verabschiedete mich in
diesem Moment aus dem Reigen der Piloten, die sich ernsthaft um den
Weltmeistertitel Gedanken machen konnten. Aber es hat mir nie leid getan.
Auch
bei mir hätte der Durchflug vielleicht ‑ zu 99 Prozent sogar
‑geklappt. Klaus war ‑ etwas höher ‑durchgekommen, and bei
mir wäre es, wenn nichts dazwischengekommen wäre, gerade eben auch gegangen.
Aber es hätte nur das geringste schief zu gehen brauchen, nur dass ich Klaus
falsch verstanden hatte, ob der nun links oder rechts flog ‑ das macht ja
in einem Pass einen grossen Unterschied ‑ darin hätte ich oben in dem
Pass gelegen, and der war völlig unlandbar.
Ich
bin durchaus bereit, Risiken einzugehen. Ich bin sogar bereit, im Wettbewerb höhere
Risiken einzugehen als normalerweise. Dieses Statement hört sich fast
verwerflich an. Es ist aber nur auf den ersten Blick so verwerflich. Denn wenn
man für den Wettbewerb kein Risiko eingehen dürfte, könnte man damit auch
gleich den ganzen Segelflug einstellen beziehungsweise ad absurdum fuhren. Denn
auf jeden Fall ist Segelfliegen gefährlicher, als wenn wir nicht Segelfliegen würden.
Wenn ich also bereit bin, für das Segelfliegen ein Risiko einzugehen,
warum nicht auch für den Wettbewerb?
Worauf
es ankommt, ist etwas ganz anderes. Nämlich die permanente Überlegung, ob
etwas, was ich tue, das Risiko wert ist. Wie hoch ist das Risiko? Ist es
vertretbar? Was kann man zur Verringerung tun?
Mit
der lapidaren and simplen Feststellung, dass man etwas für gefährlich hält,
kann man den gesamten Segelflug ‑ einschliesslich der Fahrt zum Flugplatz
‑ in Frage stellen. Denn alles ist mehr oder weniger gefährlich. Und alle
anderen Sportarten ebenso. Das will auch keiner.
Was
also ist zu tun?
Jeder
einzelne muss für sich eine Sicherheitsstrategie entwickeln.
Am
einfachsten ist es damit zu beginnen, die Risiken zu eliminieren, die völlig
überflüssig, weil ohne Nutzen sind. In einem Pulk zu kurbeln, ohne dass
man das aus zwingenden Gründen wirklich muss, ist einfach Dummheit. Und wir
alle machen zu viele dumme Sachen.
Darüber
hinaus sollten wir uns der Risiken bewusst sein, die wir eingehen, darüber
nachdenken, wie wir sie möglichst klein halten und uns Grenzen setzen, die wir
nicht überschreiten.
Wir
sollten permanent etwas Angst haben oder, mit anderen Worten gesagt,
besorgt sein, denn nur der, der besorgt ist, passt auch bei den simplen Dingen
auf, deren Nichtbeachtung oft die Ursache für Schlimmes ist.
Für
sich selbst eine risikobewusste Sicherheitsstrategie zu haben, ist jedenfalls
die weitaus erfolgreichere Methode, unseren Sport zu überleben, als nur darauf
zu hoffen, dass man etwas mehr Glück hat als die Freunde, die es trifft.